Erinnerungen an Thiessow        7. Juni 2007

Kennen Sie Thiessow, die südlichste Gemeinde auf der Halbinsel Mönchgut? In diesem Bade- und Fischerdorf wohnte ich mehrere Jahre. Als ich mit Ehefrau und Sohn nach Stralsund zog ahnte ich, dass die Sehnsucht nach diesem einzigartigen Fleck Rügens immer in mir bleiben würde. Und so komme ich gelegentlich zu Besuch hierher, um die alten Winkel nach Erinnerungen zu durchsuchen. Die Landschaft ist von einer Schönheit, von der dieser Text nicht die geringste Vorstellung geben kann. Mir fehlte stets das Bild mit dem ich vergleichen konnte. Welch wunderbares Spiel der Natur erlebte ich hier bei Wetterwechsel, welch idyllische Wanderwege, welch freundliche Einwohner, welch fröhliche Schreie der Möwen, welch seltene Pflanzen im Biosphärenreservat. Hier gibt es noch die immer seltener werdende Stranddistel, ein Doldenblütengewächs, das auch als Seemannstreu bekannt ist. Schon ihr lateinischer Name Eryngium maritinum hat etwas Berauschendes.

Thiessow hat wie meine Heimatstadt Stralsund einen Hafen, natürlich viel kleiner. Hier lagen schon zu Preußens Zeiten die Lotsenboote des Regierungssitzes Stralsund. Auch Thiessow ist wie Stralsund rundum von Wasser umgeben, was dem Badenden die Möglichkeit bietet, an stürmischen Tagen stets einen windgeschützten Strand zu finden. Das wissen Urlauber zu schätzen und sie kommen deshalb immer wieder hierher. In Thiessow gibt es keine Hafenmole wie in Stralsund, das ist wahr, aber dafür gibt es nur hier einen Lotsenberg und einen „Kleinen Königsstuhl“ am Südperd, ein Rastplatz mit einer Fernsicht zur Insel Ruden, die als Rest der ehemaligen Landverbindung zwischen den beiden Inseln Usedom und Rügen übrig blieb.

So wie es mich in Stralsund zur Mole zieht, so lockt mich bei meinen Spaziergängen auf dem Lotsenberg der Kleine Königsstuhl, und ich beobachte mit meinen auf Weitsicht eingestellten Pupillen die Schiffe auf dem Meer. Da stehe ich an der Brüstung, da brandet eine salzhaltige Brise gegen die Ohren und macht die Phantasie hungrig. Auch andere Wanderer legen an diesem versteckt liegenden Aussichtspunkt Pausen ein und holen sich in dieser freigiebigen Natur ihre Seelenvitamine. Hier kommen mir wieder die Worte in Erinnerung, die mir Freunde vor Jahren zuflüsterten, dass mir in Stralsund oft nach Mönchgut zumute sein würde und mir ein kleines bisschen Thiessow immer gut täte. Da war ja viel Wahres dran. Aber hatte ich nicht ein ähnliches Gefühl für die viel besungene, beschriebene und beschossene Altstadt von Stralsund mit ihrem Hafenflair, als ich in Thiessow wohnte?

Wir Menschen haben in uns eine Menge an Wünschen und deshalb passiert es mitunter, dass wir uns für oder gegen einen Wohnort entscheiden müssen und uns damit in ein Ungleichgewicht bringen, ohne es ändern zu können. Es fiel mir einst schwer fortzuziehen, weil ich diesen Ort mit seinen Bewohnern lieb gewonnen hatte. Ich bleibe neugierig, komme so oft es geht als Besucher hierher zum Baden, Wandern, Träumen und zum Staunen. Rügen hat viele reizvolle Landschaften, jedoch in meinen Erinnerungen an Thiessow komme ich immer wieder ins Schwärmen und erwidere gerne die erfahrene Fröhlichkeit.

(Willi Frankenstein)

Großer Ehrenpreis

Impressum